Graffiti Girls

spray paint artistcans and caps

graffiti street art brazil graffiti GirlzGraffiti Girls

Spray paint Girl

Graffiti! Für die einen sind die gesprühten Wandgemälde Kunst. Für die anderen die Pest der Großstädte. In Freiburg versucht man, die schrillbunten Farben der Sprüher in 14 legalen Unterführungen zu kanalisieren. Wie funktioniert dieses Leitsystem? Warum wählen die Maler trotzdem illegale Plätze als Ort der Selbstdarstellung? Christiane Kleer und Nadja Röll haben einen Streifzug durch die Freiburger Graffiti-Szene gemacht

Graffiti

Ob Tags, Graffiti oder StreetArt – alles kommt aus der Dose. Respektive: Aus der Büchse, einem Werkzeug also, das die Assoziation von Waffen hevorruft. Und so sehen viele Menschen die mit Farben gewappneten Sprayer: Die Sprühwolken rufen Assoziationen nach illegalen Nacht und Nebel-Aktionen hervor. Es drängt sich das Bild vom kleinen Gangster Hip-Hopper auf, der sich durch seine schief sitzende Käppi und seine runtergelassenen Hosen dazu befugt sieht, die Stadt nach dem ganz eigenen Gusto zu gestalten oder zu verunstalten – je nachdem.

Und tatsächlich, auch in Freiburg scheinen einige ganz nach dem in der Szene bekannten Motto unterwegs zu sein: „Ich bin hier der dickste Hund und darum piss’ ich an jede Wand.“ Mit Farb- und Bierdosen ziehen sie durch „Freiburg-City“ und hinterlassen das aus Schultoiletten alt bekannte „Ich war hier!“ Der Schriftzug des eigenen Namens oder von Idolen wie „2pac“, „Snoop“ oder „Rappa xy“ wird im langweiligen Sozialkundeunterricht am Heftrand geübt und ab geht es auf die Straße: Alles wird mit Silberdosen zugetaggt. Legal, illegal, scheißegal.

In diesem Rebellentum werden Eigentumsrechte als bürgerliche Spießigkeit verlacht und nur in einem Punkt penibel gewahrt: Finger weg von jedem konzipierten Graffito! Denn wer ein Bild durchmalt, ein Akt, der im Fachjargon auch „crossen“ genannt wird, dem drohen schlimmstenfalls Schläge.

Die Toys, die Spielkinder und Anfänger müssen sich erst einmal hocharbeiten: „Entweder durch Masse, oder durch Klasse,“ weiß „Toi,“ der schon seit zehn Jahren in der Szene aktiv ist. Vom „Anfänger, Nichtskönner, kleinen Vollidioten mit Dose in der Hand“ hat er sich hochgesprüht zum diplomierten Graphik-Designer. Heute, nach Brücken-Aktionen, Auftragsarbeiten im Auto-Besprühen und Schulprojekten mit schwer erziehbaren Kindern, ist es um „Toi“ etwas ruhiger geworden. Nur ganz selten kommt „der kleine Bomber“ aus ihm heraus und er „erd3stet“ sich dazu, schwarz-silberne Männchen zu hinterlassen.

Graffiti

„Ich habe angefangen zu sprühen, um meine Probleme zu bewältigen,“ sagt „Toi“ und erinnert dabei an die Ursprungsidee des Graffiti. In der Suche nach Anerkennung liegen die Wurzeln des Graffiti begründet, das in den 70er Jahren in New York entstanden ist. Ein Zeitungsartikel der „Times“ berichtete über den Pizzaboten „Tarki183“, der mit Schuhcreme an allen Lieferorten Tags hinterließ. Sehr schnell fingen die ersten Nachahmer an, Sprühdosen oder Eddings einzusetzen. „Die haben ihre Ghetto-Frustration auf den Stift übertragen,“ so interpretiert „Toi“ die Aktionen in der frühen New Yorker Szene. Anstatt in Banden loszuziehen, um mit Drogen oder Waffen zu dealen, wählten sie einen farbenfrohen, wenn auch nicht legalen Weg.

Außerdem ist es die Suche – man spricht sogar von einer Sucht – nach dem Kick. Das Adrenalin fließt oftmals nur, wenn man nachts unterwegs ist. Und wenn man alleine durch die Straßen zieht, dann ist die Angst der einzige Begleiter. Schnelle Arbeit, gute Nerven und wenig Schlaf sind hier gefragt. Bestenfalls startet man jede Nacht und versprüht ein paar Dosen, kurz, „man macht alles platt.“

Birgt das nächtliche Treiben dann womöglich auch noch Gefahren in sich, umso besser: Waghalsige Aktionen in Schwindel erregender Höhe, die Dächerbesteigung (rooftopping) oder ein „whole car,“ also das Sprayen eines kompletten Zugwaggons, bringen großen Respekt in der Szene. Und den braucht man, um das eigentliche Ziel zu erreichen: „Fame“. „Bevor der besprühte Zug ausgewechselt werden kann, muss er zumindest bis zum nächsten Bahnhof fahren,“ erzählt „Fish,“ ein „Bomber“ der Crew „MBC“ (May Be Crazy) und denkt dabei an die vielen Menschen, die das Bild auf dem Zug herumfahren sehen.

Graffiti

Die Deutsche Bahn kennt diesen Reiz und versucht dem entgegen zu wirken, indem sie jeden bemalten Zug spätestens nach 48 Stunden aus dem Verkehr zieht. Wie die Bahn, so hat auch die Polizei mit den jungen Wilden zu kämpfen. Obwohl Polizeisprecher Ulrich Brecht von einem „äußerst schwierigen Ermittlungsfeld“ spricht, kann die dafür verantwortliche Freiburger „Soko-Graffiti“ auf die Zusammenarbeit mit betroffenen Bürgern, Augenzeugen und sogar szenekundigen Sprayern setzen. Ein frisch gesprühtes Werk wird, von der Polizei oder Anwohnern entdeckt, sofort fotografiert in eine speziell angelegte und landesweite Datenbank eingespeist. Lässt ein frischer, illegaler Farbfleck im Datenbankabgleich auf einen bekannten Täter schließen, werden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Hierbei hoffen die Ermittler auf Beweismaterial: Skizzenbücher, voll gekritzelte Schulhefte, Spraydosen, Eddings.

Illegales Graffito ist Sachbeschädigung und wird je nach Strafmaß und abhängig davon, ob es sich beim Sprüher um einen Wiederholungstäter handelt, mit Geldstrafen, gemeinnütziger Arbeit oder sogar mehreren Jahren Gefängnis bestraft. „Oft bleibt die Fahndung aber erfolglos,“ gibt Polizeisprecher Brecht zu. Kleinere Vergehen werden zumeist fallen gelassen oder die Farbe muss entfernt werden – und zwar vom Maler selbst. So haben schon einige Freiburger Sprayer ihre Nachmittage damit verbracht, die liebsten Stücke mit Rolle und Streichfarbe unfreiwillig verschwinden zu lassen – und das tut weh.

Fakt ist: Illegales Sprühen ist ein Spiel mit dem Feuer und muss teuer bezahlt werden. Deshalb gilt in der Szene das Gebot: Stehe zu deiner Tat und vor allem: Verpfeife niemanden! Denn der Zusammenhalt in der Szene und ganz besonders in der Crew ist von großer Bedeutung. Auch wenn es aus Gründen der Respektlosigkeit, der Rivalität oder durch Verrat immer wieder zu großem Ärger kommt, so geht es doch vor allem um die Gemeinschaft. Arroganz und Verrat zerstören den Status eines Sprayers. Sei er noch so bekannt, der Verleumder wird wieder zum Toy.

Graffiti bedeutet aber nicht nur, möglichst viele beliebige Tags und Bilder in der Stadt zu hinterlassen, es bedeutet vor allem „Style.“ Und der kann alles sein, außer langweilig! Der Sprayer soll sein eigenes Ding machen: Buchstaben individuell drehen, schnörkeln, schwingen oder verkanten und nicht nur den Stil anderer kopieren.

Man macht sich eben auch mit Klasse einen Namen. Und das bedeutet wenn nötig: üben, üben, üben. Da gilt es sich zu entscheiden zwischen dem schnellen Kick beim illegalen Sprayen und einem konzipierten, ästhetischen Vorzeigegraffiti, das man unter Zeitdruck nicht fertig stellen kann. Andere versuchen beides zu verbinden, möglichst schnell ein „schönes“ Graffiti herzustellen:

Graffiti

Hier geht es darum, die Dose nicht nur rappig-locker zu schütteln, sondern auch schwungvoll zu führen, wie ein Mädchen beim Tanz. „Unser Mädchen heißt Graffiti,“ steht auf der Rückseite des Kiosks an der Johannes Kirche. Über dem Schriftzug sind drei Raben abgebildet, einer mit Pinsel, einer mit Krone und ein dritter mit rotem Schal. Die Gruppe „PLK“ (Psychisch Labile Kinder) hat das Bild Ende letzten Jahres in einer Nacht und Nebel-Aktion an die Kioskwand gesprüht. Umnebelt ist auch die Geschichte dieser Crew, die sich nach mehrmaligen Auseinandersetzungen mit der Polizei und dem Gericht nicht einmal innerhalb der Szene zu erkennen geben. Nur „Prinz Friso“ ist als einer der Urväter der Gruppe bekannt. Eine Selbstdarstellung durch den Raben mit Krone? Oder eine Hommage seiner Kumpanen? Darüber kann man nur spekulieren, genauso wie über mögliche Interpretationen des Bildes.

Doch eins steht fest, die Jungs halten ihrem „Mädchen,“ dem Graffiti, die Treue. „Prinz Friso“ malt und sprüht seit etwa zehn Jahren. Für ihn ist Graffiti „eine geile Ehe, eine Flamme, die immer wieder neu entfacht wird.“ Früher hat auch er mit silbernen und schwarzen Blockbuchstaben alles kaputt gemacht, erzählt der heute 25-Jährige, der als Wiederholungstäter schon einen Batzen Geld zahlen musste. „Heute geht es darum, die Stadt an eh schon beschmierten Stellen aufzupeppen.“ Legale Flächen interessieren ihn dabei wenig: „Das Größte ist eine gut geplante, illegale Aktion, bei der man sich viel Mühe gibt, nachts schwitzt und blutet und sich den Arsch aufreißt.“

Auch für „Coek“ (28) ist Kunst, „wenn man’s für sich macht, voller Freiheit.“ Ihm gehört das „Wildwuchs“, das ist eine Agentur zur Vermittlung von StreetArt-Künstlern. StreetArt, das heißt besprühte oder bemalte Aufkleber, Poster, Schablonenkunst oder das Malen mit der Dose. Hier wird das Sprühen gesellschafts- und marktfähig, doch trotzdem wird es nicht angemessen geschätzt: „Es ist schwierig, den Leuten klar zu machen, dass die Bilder viel kosten. Einfach nur die Materialkosten zu zahlen reicht einfach nicht,“ bemerkt der Grafiker.

GraffitiZur Zeit sprühen „Index“ und „dust“ an einer Hausfassade an der Eschholzstraße. Beide sind in der Szene als „Sprüher der Königsklasse“ bekannt. Auf der einen Wand entsteht ein Wandgemälde (Mural), in dem „Index“ photorealistische Elemente und Comicwelten von „dust“ zusammenspielen. Das Bild heißt „Stadtflucht“ und man kann es sich auch gut in klein auf einer Leinwand vorstellen kann. „Mit Graffiti erreicht man niemanden. Die Schriftzüge sind für die wenigsten Menschen lesbar,“ weiß „dust,“ für den die Sprühdose ein zeitgenössisches Werkzeug, die „Styles“ des Graffitis aber ausgereizt sind. „dust“ ist Designer und verdient sein Geld nicht nur mit Sprühen auf Häuserwänden, sondern auch durch andere künstlerische Arbeiten: Mit dem Produzieren von Design Toys, der Illustration von Kinderbüchern und Bildern auf Leinwand.

„Nur dort, wo Kunst gewollt ist, kann sie ihren Platz finden.“ Die Einstellung vieler Sprüher, die alles beschmieren und ihre Dosen und anderen Müll rum liegen lassen ist dem 24-Jährigen zuwider. „Die ziehen die ganze Sache in den Schmutz und bringen das Sprühen in Verruf.“ Aber verraten die kommerziellen Künstler nicht auch die Ursprungsidee des Graffitis, das sich als eine Art Gegenpol zur Werbung versteht? „Jeder soll das tun, was er will,“ findet „Index,“ „er muss nur dazu stehen und es bewusst tun.“ Für ihn ist StreetArt eine Dienstleistung, von der man leben kann. Und zudem eine Möglichkeit, den leeren Kommunikationszwang in der Gesellschaft zu kritisieren.

Graffiti

Die Bereitstellung legaler Flächen hält „dust“ für eine gute Initiative und seiner Meinung nach sollte es in Freiburg noch mehr freie Flächen geben, die der Öffentlichkeit gut zugängig sind. „Die Gesellschaft ist ein Miteinander, sobald es Grenzen gibt, bricht sie auseinander.“

Graffiti Die Rathausgasse ist ein gutes Beispiel dafür: Hier ist Sprühen illegal. Die ganzen Wände sind voller Tags, die kreuz und quer die Wände bedecken.

Fazit: Das Auge des Flaneurs hat sich in fast 25 Jahren Graffiti in Deutschland an die schrillbunten Wandgemälde gewöhnt. Und doch leuchten die meisten Bilder des Untergrunds noch in der Jugendfrische des Subversiven: Das Buchstabengewölk aus der Sprühdose ist nicht wie eine Jugendmode verflogen und der Druck ist noch nicht raus aus der Dose. Was hier allerdings durch das Ventil der Dose zum Ausdruck kommt, dem schenken die meisten Menschen wenig Beachtung: Nicht Grau, sondern bunt. Punkt.

Aber wenn man einmal damit anfängt, auf die gequirlten Kringel, die Comicfiguren und die barbüsigen Nixen zu achten, dann sieht man sie auf einmal überall. Und so wie sie Sprüher sich selbst in fremden Städten anhand von Graffitis orientieren und nur bemalte oder jungfräuliche Wände sehen, so entwickelt auch der interessierte Bürger einen Anflug eines „Graffiti-Spot-Blicks“: Hier ein illegales Tag. Das Kenner-Auge scannt die möglichen Fluchtwege ab. Alles dicht, Respekt. Und da ein fetter „Style“, der anders aussieht, als all die anderen, Respekt. Auf der anderen Seite ein Bild, das man sich auch in klein in die Wohnung hängen mag, Respekt!



One Comment

  1. admin wrote:

    Nice Feed!!!

Schreibe einen Kommentar